„SCHÖNE SEELE“ ODER POESIE UND WIRKLICHKEIT: NATALIE, LUISE UND JULIE


Das Bedürfniß einer Mittheilung an eine feingebildete, weibliche Seele ist für mich so dringend, so wolthätig, so natürlich, daß ich es als einen sehr bestimmten Zug meines Lebens ansehe, daß ich Liebe und Freundschaft zugleich fand - und so beyde durch diese Vereinigung gewannen.[...] - Ihr Geschlecht empfieng von der Natur die unauslöschliche Sehnsucht - wolzuthun - Seyn Sie meine Bildnerinn - meine Rathgeberinn, meine Freundinn - und erlauben Sie mir dann alle Bürgerkränze Ihnen zu Füßen zu legen, die ich dann verdienen muß.
[F. v. Hardenberg an Wilhelmine von Thümmel, Febr. 1796]

HARDENBERGs mit einem intimen Bekenntnis seiner seelischen Befindlichkeit verknüpfte Bitte, die er hier an die Stiefschwester Sophie von KÜHNs richtet, lehnt sich im Sprachduktus an die für das 18. Jahrhundert typische Gepflogenheit an, von den moralischen Qualitäten einer weiblichen Person zu sprechen - in der schönen und in der philosophischen Literatur ebenso wie in gesellschaftlichen Briefen. „Ruhe, verständigen Sinn, Geschmack und Aufheiterung“ erhofft er durch Frau von THÜMMEL zu erwerben, um für das künftige Schicksal gewappnet zu sein.

GOETHEs Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96) und die Bekenntnisse einer schönen Seele im sechsten Buch des Romans mögen HARDENBERG inspiriert haben. Er spricht mit der Briefpartnerin, als sei sie Natalie. Jene „schöne Seele“ in Goethes Roman, von der man erfährt, dass sie „ihre Zöglinge bildet“ statt sie zu dressieren; dass sie „die drei schönen Eigenschaften: Glaube, Liebe und Hoffnung“ auf sich vereint.

Eine „schöne Seele“ bedeutet zu dieser Zeit den harmonischen Zusammenfall des Guten und Schönen in einem Charakter, oder in HARDENBERGs Worten:
„Das analog moralisch Sichtbare ist das Schöne.“ [III, 63]
„Alles Schöne ist ein Selbsterleuchtetes, vollendetes Individuum.“ [Blütenstaub, II, 460]

HARDENBERG hat damit beide Aspekte der Wendung von der „schönen Seele“ erfasst:
den moralischen, den KANT als Sittengesetz formulierte:
„Das Schöne ist das Symbol des Sittlich-Guten.“ [Kritik der Urteilskraft, 1790, §59]
und den von SCHILLER dagegen gesetzten ästhetischen Aspekt, nachdem in der „schönen Seele“
„Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht und Neigung harmonieren, und Grazie ...ihr Ausdruck in der Erscheinung“ ist. [Über Anmut und Würde, 1793]

„Schöne Seele“ ist zu dieser Zeit zugleich Ausdruck einer „gewissen religiösen Stimmung in Deutschland“ (GOETHE), die mit dem (Herrnhuter) Pietismus verbunden ist.
Friedrich von HARDENBERG war durch seine Studien über die Jahre mit nahezu der gesamten philosophischen und literarischen Tradition des Begriffs „Schöne Seele“ von PLATON über PLOTIN, die Mystik bis zu ROUSSEAU, von HEMSTERHUIS bis zu KANT und SCHILLER, von WIELAND, LESSING und KLOPSTOCK bis zu ZINZENDORF vertraut.

Fand HARDENBERG in seinem Leben in Sophie das zu bildende Ideal der Liebe, war Julie von Charpentier eine lebendige schöne Seele, so verkörperte die Kronprinzessin Luise von Preussen den Teil „wahrer Geschichte“, den Friedrich Schlegel als Fundament wirklicher romantischer Gedichte in der Gegenwart ansah, die geeignet waren, ein hohes sittliches Ideal zu transportieren. Und nach HARDENBERGs Philosophie sollte romantische Poesie möglichst viele Menschen dazu stimmen, es auch zu ergreifen.

GOETHE brachte es im Wilhelm Meister auf den Satz:
„Nur alle Menschen machen die Menschheit aus, nur alle Kräfte zusammengenommen die Welt. [...] das Schöne muß befördert werden, denn wenige stellen’s dar und viele bedürfen’s.“ [HA 7, 552]

© Forschungsstätte für Frühromantik 2008. Text: Gabriele Rommel.
 
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