
LUISE VON PREUSSEN
(1776-1810)
„Sie sind ein Liebhaber schöner Frauen“
Mit einem Augenzwinkern teilte sich hier der Jurist und Kreisamtmann August Cölestin JUST in einem Brief am 17. und 24. November 1798 an den 26jährigen Friedrich von HARDENBERG mit. [IV, 505] Er bezieht sich direkt auf die frisch gedruckte und anonym veröffentlichte kleine Schrift Glauben und Liebe oder Der König und die Königin.
Im November 1797 war Luise, vier Jahre jünger als Friedrich von HARDENBERG, Königin geworden.
HARDENBERGs Begeisterung für das Regentenpaar Friedrich Wilhelm III. und Luise veranlassten ihn, im Idealbild einer aufgeklärten (republikanischen) Monarchie nach dem Beispiel einer mustergültig funktionierenden Ehe und Familie eine staatsphilosophische (Anti-)These in poetischer Form vorzustellen. Den Beifall des Königs fand er damit nicht.
Was in JUSTs Beobachtung Texte wie die Fragmentsammlung Blüthenstaub (1798) sonst auszeichnete - „echter Hardenbergianismus“, das Aufstellen von Anti- und Hypothesen und eine besonders diffizile poetische Sprache - drohte in diesem Fall den Autor zu gefährden:
„Man muß schon (und das haben Sie auch mit Kant gemein) mit Ihrer Sprache etwas bekannt sein, wenn man sie verstehen und beurtheilen will.“ [Just. IV, 506]
Im Zentrum von Glauben und Liebe steht die Königin:
„Mir kommt Natalie, wie das zufällige Portrait der Königin vor. Ideale müssen sich gleichen.“
Die Königin LUISE VON PREUSSEN wird, indem Novalis sie direkt mit dem poetischen Ideal der Natalie aus Goethes Roman auf eine Stufe stellt, für ihn zu einer poetischen Utopie - zur Idee der Frau. Sie verkörpert die Wirklichkeit ebenso wie die Poesie.
Novalis hat - wie nach ihm andere Dichter und Maler - damit auch zur Legendenbildung um Luise beigetragen. Das Standbild der Prinzessinnen Luise und Friederike (1797) und die Büsten Friedrich Wilhelm III. und Luises (1798) von Gottfried Wilhelm SCHADOW zeigen ebenso wie die Porträts des Schwesternpaares die außerordentliche Schönheit beider Frauen.
Luise erscheint auch bei Novalis in der Rolle einer schönen, anmutigen und sittlich vorbildhaften Frau, die nicht nur dem Hofleben Bildung und Niveau gab, sondern nach der man die Erziehung der Töchter, die Brautwahl, ja sogar die Mode orientieren müsse. Jede Trauung eine „bedeutungsvolle Huldigungszeremonie der Königin“.
Zwei zeitgleich notierte Gedanken über Schönheit und Güte, Poesie und Ästhetik machen verständlich, warum Novalis in Luise das Idealbild einer „Schönen Seele“ sah:
„Die Frau ist das Symbol der Güte und Schönheit - der Mann das der Wahrheit und des Rechts.“
„Schönheit ist das Ideal, das Ziel - die Möglichkeit - der Zweck der Poesie überhaupt. [...] Harmonie - Euphonie etc. alles begreift Schönheit überhaupt. Schöne Seele.“
[Allgemeines Brouillon III, 399]
Ohne direkten Bezug auf die Legende der preußischen Königin, die in wilhelminischer Zeit neu belebt wurde, knüpfte Novalis’ Nichte Maria Sophia Bernhardine von HARDENBERG in ihrer Schrift Zur Frauenfrage (1882) wieder an eine in das 18. Jahrhundert zurückreichende Familientradition an, in der die Frau in ihrer Rolle als Mutter für die Ausprägung des Familiensinns Verantwortung trug und geschätzt wurde.
© Forschungsstätte für Frühromantik 2008. Text: Gabriele Rommel.



